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2003 jährte sich der “Geburtstag” eines für die Stadt Rheinsberg nicht unwichtigen Gebäudes zum 90. Mal: Am 6. Dezember 1913 wurden der westliche Teil und die Turnhalle der heutigen Heinrich-Rau-Schule feierlich eingeweiht. Dies soll Anlass sein, einmal das Rheinsberger Schulwesen längst vergangener Zeiten zu betrachten. Im Jahr der Einweihung hatte der damalige Rektor Karl Waase eine kleine Schulchronik verfasst, die Auskunft über die Zeit vor dem Neubau gibt.

Alte Schule an der Kirche, 19. Jh.

Nach dem großen Stadtbrand 1740 dachte der Baumeister von Knobelsdorff, der mit dem Wiederaufbau des Städtchens betraut war, auch an eine neue Schule. “Cantor und Schul Haus” bezeichnete er in seinem Plan das Grundstück Kirchstraße 1. Dort wurde der Bau 1743 vollendet. Gegen den Zahn der Zeit war er natürlich nicht geschützt, und so begann das Gebäude um 1800 einzufallen. In den kommenden Jahren wurden das Dach und der Stall des Küsters (ein Mitbewohner des Hauses) Opfer von Stürmen. 1808 versprach der Magistrat, sich um einen Neu- und Umbau der Schule zu bemühen. Der Inhalt der Haushaltskasse bot jedoch schon damals ein trauriges Bild, so dass noch 26 Jahre ins Land gingen, bevor die Baumaßnahmen begannen. Das Spritzenhaus musste versetzt werden und kam auf den Kirchplatz.

Der älteste Teil der Schule grenzte an den Giebel des Hauses vom Schuhmachermeister Westphal in der Seestraße 23 (früher Heiligengeiststraße). Da dieser Teil abgerissen und ein Zwischenraum für eine Auffahrt geschaffen werden sollte, sah Westphal seine nur aus Lehm bestehende Giebelwand gefährdet. Um zu erreichen, dass der Neubau wieder unmittelbar an seinem Haus beginne, schrieb er an den Landrat Graf Friedrich von Ziethen und machte deutlich, dass er “der einzige Familienvater Rheinsbergs” wäre, “der durch den Bau des so nützlichen Werks mit Wehmut erfüllt würde, denn die Folgen wären für mich schrecklich, da ich nur die Aussicht habe, mein Gebäude dem Verderben Preis zu geben.”

Wie heute zu sehen ist, entschied man sich für den Zwischenraum. Dem Schuhmacher wurden aber fünf Reichstaler zur Errichtung einer neuen Giebelwand gezahlt.

Im 17. und 18. Jahrhundert war der Rektor die einzige Lehrkraft. Er wurde von einem oder mehreren Gesellen unterstützt. Um 1800 kam ein Küster dazu, der ebenfalls in der Schule wohnte. Friedrich Behnke trat 1836 die neu eingerichtete Kantorstelle an. Die folgenden Jahrzehnte ließen die Zahl der Lehrer auf sieben anwachsen. Die erste weibliche Kraft war die Lehrerwitwe Gellner, die ab 1861 Handarbeit unterrichtete.

1881 muss das Schulhaus einen schlechten Eindruck gemacht haben, denn sein Zustand wurde von höherer Stelle bemängelt, besonders die “Hof- und Abortanlage”. Letztere war vor 1820 gar nicht vorhanden und kam erst durch den Einsatz von Rektor Doerry zustande. Nachdem 1859 eine Erneuerung beantragt wurde, dauerte es nur noch 22 Jahre, bis der Magistrat einen “Urinierstand” bewilligte.

Wie in den Berliner Vorortschulen wurde 1909 die Rheinsberger Schule siebenstufig. Interessant ist dabei, dass die Kinder in der siebenten Klasse eingeschult und in der ersten Klasse entlassen wurden. 1911 führte man den Handarbeitsunterricht auch für Knaben ein. Im Fach Religion musste berücksichtigt werden, dass unter den 454 Schülern (1913) 22 Neuapostoliker und 11 Katholiken waren.

Einen richtigen Schulhof gab es nicht, erinnert sich eine Zeitzeugin aus Rheinsberg. In den Pausen wurden die umliegenden Straßen belegt. Der Sportunterricht fand auf dem Rosenplan statt.

Stadtschule Menzer Str., um 1915

Wenn die Schule auch eine günstige zentrale Lage hatte, so genügte sie den Anforderungen aber längst nicht mehr. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt fällte man 1912 den Beschluss zum Bau einer neuen größeren Schule am östlichen Stadtrand. Vorwiegend einheimische, aber auch Neuruppiner Firmen führten die Arbeiten am Bau aus. Es entstanden Räumlichkeiten, die den “Anforderungen moderner Pädagogik” entsprachen, u. a. eine Schülerwerkstatt, Schulküche, Zeichensaal, Physiksaal und natürlich die Turnhalle, die bei festlichen Anlässen als Saal dienen sollte.Im November 1913 zogen Lehrer und Schüler mit Sack und Pack von der alten Schule in das 160.000-Mark-Objekt um. Der Lehrbetrieb begann im folgenden Jahr. Für das alte Schulhaus fand Bürgermeister Busch eine nützliche Verwendung: es wurde eine Jugendherberge mit ca. 60 Betten eingerichtet.

Die Freude am neuen Heim währte nicht lange. Der Erste Weltkrieg brach aus, und bald mussten einige Lehrer ins Feld. Einen schweren Schlag brachte das Jahr 1920. Der Tischlermeister August Steffen hat dazu schriftliche Erinnerungen hinterlassen. Am Abend des 20. Dezembers kam er mit Vereinskameraden vom Schützenhaus zurück und gegen 24 Uhr an der Turnhalle vorbei, wo noch Licht brannte. Die Schüler hatten eine Weihnachtsaufführung veranstaltet und nun war anzunehmen, dass sie noch beim Aufräumen waren. Am nächsten Morgen um 4 Uhr wurden die Rheinsberger vom Feueralarm geweckt - die Turnhalle stand in Flammen. Vermutlich hatte jemand vergessen, ein offenes Licht zu löschen, wodurch ein Brand ausgebrochen war, der inzwischen auch den Verbindungsteil zum Schulgebäude erfasst hatte. Nach mehreren Stunden waren die Flammen gelöscht, Turnhalle und Mittelteil aber ausgebrannt.

In den 20er Jahren führte die Volksschule den achtjährigen Schulbesuch ein. Die Klassen wurden noch immer rückwärts gezählt; die beiden obersten (erste und zweite) unterrichtete man gemeinsam.

Um die Mittelschule, Oberschule oder das Gymnasium zu besuchen, mussten die Kinder per Bahn oder Postbus nach Neuruppin fahren.

Pädagogium

Bis zum Ende der 20er Jahre bestand in Rheinsberg auch ein Gymnasium: das Pädagogium in der Schillerstraße (ehem. Vogtstraße). Vorher befand sich dort das Kurhaus “Friedrich der Große”, ging aber etwa 1908 ein. Das Haus wurde später um eine Etage aufgestockt und eine “höhere Schule mit Schülerpension” hielt Einzug. Vor allem Geschäftsleute und Beamte ließen ihre Kinder dort unterrichten.

Wie sah der Alltag der Schüler aus?

Das Schreiben lernten sie in den ersten zwei Jahren auf Schiefertafeln. Diese gaben Spitzbuben natürlich die Möglichkeit für hinterhältige “Zauberkunststücke”. Beliebt war es z.B., die Hausaufgaben eines Mitschülers, die dieser in Stunden mühevoller Arbeit auf den Schiefer gebracht hatte, mit einem Schwammwisch unsichtbar zu machen.

Auch Lehrer wurden Opfer von Streichen, die aus heutiger Sicht aber eher harmlos waren. Konnten die Übeltäter entlarvt werden, griff man gern zum damals hochgelobten Erziehungsmittel Rohrstock. Die Knaben hatten nach der Vollstreckung Schwierigkeiten beim Sitzen; bei den Mädchen gab es Schläge auf die Hände. Für eine “Verurteilung” bedurfte es nicht nur Streiche; ein Lehrer war dafür bekannt, dass er vor Unterrichtsbeginn zuerst die Sauberkeit von Ohren und Fingernägeln überprüfte.

Einige Rheinsberger erzählen, dass es zeitweise reine Mädchen- und Jungenklassen gab. Später wurden sie gemischt, aber im Klassenraum saßen die Geschlechter noch getrennt voneinander.

Den Höhepunkt jedes Jahres bildete das Möskefest. Ferner wurden Wanderungen, Schnitzeljagden und sportliche Wettkämpfe veranstaltet.

Zu Weihnachten spielten die Schüler in der Turnhalle ein Theaterstück. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden auch Lehrer zur Wehrmacht einberufen, und die übrigen mussten nun doppelten Dienst leisten. In der Turnhalle waren Soldaten einquartiert, so dass dort kein Sportunterricht mehr stattfand.

Klasse mit Lehrer Kaschel, um 1920

In den letzten Kriegsjahren wurde Papier immer knapper. Der Mangel vergrößerte sich besonders nach 1945. Die Kinder schrieben zum Teil auf den Rückseiten von Verpackungsbögen der alten Carmol-Fabrik. Da die Qualität der von Löschpapier nahe kam, war das Schriftbild entsprechend. Strafarbeiten sollten auf Zeitungsrändern verfasst werden. Tinte musste man ebenfalls improvisieren. Dazu diente ein Gebräu aus Eisenrost und Knollen von Eichenblättern.

1946 wurde die Rheinsberger Lehrstätte eine Zentralschule, die zunächst auch Schüler aus Linow und Zechow besuchten. Der Aufbau der Oberschule begann zwei Jahre später, wie in der Chronik der Heinrich-Rau-Schule zu lesen ist. Die Kinder, die von außerhalb kamen, waren in Privatzimmern untergebracht, bis 1950 in der Schillerstraße ein Internat eingerichtet wurde. Das zweite folgte 1953 in der Dr.-Martin-Henning-Straße. Die Jungen wohnten fortan dort, die Mädchen in der Schillerstraße.

Die Oberschule war zwölfklassig, und 1952 verabschiedete man die ersten Abiturienten. Eine allgemeinbildende POS kam 1957 dazu, so dass nun zwei Schulen mit 12 bzw. 10 Klassen unter einem Dach bestanden. In jenem Jahr begann auch der Bau des Atomkraftwerks, was die Zahl der Familien und damit der Schüler stark ansteigen ließ.

Die Räumlichkeiten waren sehr begrenzt. Im Schulgebäude gab es 14 Klassenräume, weitere vier in der so genannten “Gasbaracke” und einen in der Nähe der Steingutfabrik. 1962 war der Neubau an der Ostseite der alten Schule fertig gestellt, der die Platzprobleme vorläufig löste.

Neubau der Schule von 1962

Etwa ein Jahrzehnt später erreichten die Kapazitäten wieder ihre Grenzen, obwohl inzwischen noch eine Baracke an der Paulshorster Straße und eine an der Straße der Jugend (Menzer Straße) dazugekommen war. Langfristig plante man den Bau einer neuen Schule, kurzfristig einige Veränderungen an den vorhandenen Räumen. Außerdem machte sich eine Neustrukturierung der Lehranstalt erforderlich, die durch die Aufteilung in die POS 1 mit EOS-Teil und die POS 2 am 1. September 1974 verwirklicht wurde. Ihre Namen Heinrich Rau bzw. Dr. Salvador Allende erhielten die beiden Bildungsstätten 1976.

Wichtige Ereignisse in den 80er Jahren waren die Einweihungen der neuen Turnhalle und der Schule am Kiefernweg, in die die Allende-POS einzog.

An der H.-Rau-Schule endete im Schuljahr 83/84 die EOS-Zeit, als die letzten Abiturienten ihre Reifeprüfung ablegten.

Heute besitzt sie den Status einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe.