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Unterhält man sich mit älteren Rheinsbergern über die Vorkriegszeit, kommt das Gespräch oft auf ein Ereignis, das sich alljährlich am Tag vor Himmelfahrt wiederholt hat und für die Schuljugend immer ein Erlebnis besonderer Art war: das Möskefest.Was hatte es nun mit dieser Tradition auf sich, die über Jahrhunderte gepflegt wurde und außerhalb von Rheinsberg weit und breit nicht anzutreffen war?Eine poetische Schilderung der Geschichte des Festes vom 17. bis zum 18. Jahrhundert finden wir im Roman “Die schöne Sabine” von Paul Schulze-Berghof.Bereits im Mittelalter wurde das Möskefest mit den Schulkindern abgehalten, vermutlich, um Abwechselung in den strengen Alltag zu bringen, der in den Lehranstalten herrschte. Eine lange Pause musste es einlegen, als in Europa der Dreißigjährige Krieg tobte. Nachdem die Waffen endlich zur Ruhe kamen, hatten die Menschen erst einmal andere Sorgen, und niemandem war so recht nach feiern zumute.Erst der Prediger Bernhard Cabusius, der 1668 sein Amt antrat, bemühte sich um eine Fortführung des Brauches. Er befragte die alten Rheinsberger nach dem Ablauf des Festes und übte mit den Kindern das Möskelied ein. Im Laufe der Jahre nahmen immer mehr Bürger teil, und aus dem Schulfest wurde eine Feierlichkeit, in die die ganze Stadt eingebunden war.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lief das Möskefest etwa wie folgt ab: Am frühen Morgen versammelten sich die Jungen vor dem Pfarrhaus und trällerten das Möskelied. Dann ging es weiter zum Schloss, um der Hofgesellschaft ein Ständchen zu geben. Weiterhin folgten Auftritte beim Kantor, beim Bürgermeister und schließlich bei den Hofbesitzern und Bürgern. Für letztere legten die jungen Sänger, die üblicherweise mit kleinen Geschenken belohnt wurden, die Reihenfolge nach der Freigiebigkeit der Leute fest. Inzwischen fanden sich die Mädchen auf dem Marktplatz ein und warteten auf die Jungen. Als diese dann mit heiseren Kehlen dort eintrafen, zogen alle gemeinsam in den Forst Boberow. Dort teilte man sich wieder auf, und die Knaben schwärmten aus, um Waldmeister zu sammeln, den

man hier Möske nannte. Die Mädchen wanden daraus Girlanden und Kränze. Nach der Rückkehr in die Stadt wurden die Kräuter in die Gänge der Kirche gestreut und Altar und Kanzel geschmückt. Während des anschließenden Gottesdienstes entfaltete sich der aromatische Waldmeisterduft und strömte durch das Gebäude. Am Nachmittag ordnete sich auf dem Markt der Festzug. Angeführt wurde er von der Musikkapelle, bestehend aus einem Trompeter und zwei Tubabläsern; außerdem waren Klarinette, Oboe sowie eine Landknechtstrommel vertreten, die noch aus dem Krieg stammte.

Hinter den Musikanten kam der Möskekönig des letzten Jahres, der auf einer Stange eine Krone aus Möske trug. Es folgten die Fahnenträger, die Jungen mit Sträußchen an der Brust und die Mädchen mit Kränzen im Haar. Das Schlusslicht bildeten die Jugendlichen, die nicht mehr zur Schule gingen, aber trotzdem noch dabei sein wollten. Auf dem Möskeplatz im Boberow angekommen, begann man mit den verschiedensten Spielen: die Mädchen widmeten sich dem Topfschlagen und Greifen und tanzten Reigen. Die Jungen übten sich im Armbrustschießen und Sackhüpfen.

Festumzug

Von der weiteren Historie berichtet Walter Teßner in seiner Stadtchronik: Im Jahre 1757, während des Siebenjährigen Krieges, errangen die Truppen Friedrichs II. gegen Österreich mehrere Siege, u. a. bei Prag. An dieser Schlacht war auch Friedrichs Bruder Heinrich, inzwischen Eigentümer Rheinsbergs, beteiligt. Die Kunde vom Sieg erreichte die Stadt am Tag des Festes. Der Küster wollte gerade mit den Jungen zum Möskesuchen aufbrechen, als ein Kurier aus Potsdam die Nachricht überbrachte. Sogleich wurde ein “Vivat hoch! und nochmals hoch! und abermals hoch!” auf den Prinzen Heinrich ausgerufen. Der Küster schlug den Kindern vor, am Nachmittag die

Schlacht nachzuspielen, worauf diese mit Eifer an die Fertigung von

Soldatenmützen und Holzsäbeln gingen. (Später stiftete der Schlossherr noch Uniformen aus der Kadettenanstalt, und im Laufe der Jahrzehnte wurde die Ausrüstung weiter perfektioniert.) Die Rollenbesetzung erwies sich allerdings schwierig, denn verständlicherweise wollte niemand die österreichischen Verlierer spielen. Das Fest hatte nun einen militärischen Charakter erhalten, den es bis 1914 behielt.

Der Nachmittag des Vortages war schulfrei, und so konnte man die Zeit mit dem Putzen der Uniformen bzw. mit dem Wickeln von Girlanden und Kränzen verwenden. Abends veranstaltete die Schulkapelle einen Zapfenstreich und trommelte am nächsten Morgen um 6 Uhr Reveille (Weckruf). Ab 8.30 Uhr wurde die gesamte Innenstadt abgelaufen und zum Antreten gerufen. Dann ließen militärische Kommandos das Bataillon strammstehen, das sich vor der Schule geordnet hatte, und es folgte der Abmarsch. (Der Turnlehrer übte mit der Möskegarde schon Wochen vorher auf dem Rosenplan das Exerzieren.) Der “Oberst” führte die Truppe zum Haus des “Generals”, der dort das Kommando

übernahm, den “König” abholte und ihn hochleben ließ. Wie schon früher üblich, besuchte man die Rheinsberger Prominenz (Bürgermeister, Amtsvorsteher, Pastor, die Ehrenbürger, das Lehrerkollegium) und die Schlossbewohner und brachte auch ihnen ein Hoch dar. Nach dem letzten Auftritt auf dem Innenhof des Schlosses zogen die Soldaten zum Boberow, wohin ihnen ihre Eltern einige Lebensmittel trugen. Der Tag war noch lang!

Während des Präsentiermarsches wehten an der Spitze des Zuges zwei preußische Fahnen mit eingestickten Adlern. Außerdem waren ein goldener Türkenhalbmond (ein Schlachtsouvenier des Prinzen Heinrich), eine “Mannscheibe”, eine “Flatterscheibe” sowie ein hölzerner Adler mit Krone, Reichsapfel und Zepter zu sehen. Um 14.30 Uhr trat die weibliche Jugend an; weiß gekleidet, mit Blumen im Haar und Blumenbögen über den Köpfen haltend. Die Mädchen gingen über den Schlosshof, durch das Grottenzimmer, über die

Billardbrücke, die Sphinxtreppe hinauf, durch den Pavillon, links an der Egeria-Grotte vorbei und dann zum Möskeplatz. Dort hatten die Jungen inzwischen den Forst nach Waldmeister abgesucht, mit dem später die Kirche geschmückt werden sollte. Nun begannen allerlei Spiele, z.B. das Erklettern einer Stange, an deren oberen Ende kleine Preise lockten. Die “Offiziere” schossen auf den Holzadler, um den neuen König zu ermitteln. Mit Musik und Tanz ließ man den Tag ausklingen und marschierte müde und erschöpft zur Stadt zurück.

Morgendliches Wecken

1914 fand das Möskefest zum letzten Mal in dieser Form statt. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Alliierten militärische Aufzüge verboten, und die Rheinsberger, die nicht auf ihren Brauch verzichten wollten, besannen sich auf seinen ursprünglichen Charakter. Der Holzadler wurde weiterhin zur Bestimmung des Königs verwendet. Die Jungen warfen nun mit Keulen nach seinen Einzelteilen. Thronfolger war, wer die Krone herunterholte; Zepter

und Reichsapfel verhießen die Titel Erster und Zweiter Ritter. Aus Sicherheitsgründen fand das Keulenwerfen in einer großen Kuhle statt.

Auch außerhalb der Stadt war das Fest bekannt und etablierte sich zur Touristenattraktion. Vor allem aus Berlin kamen Tausende Besucher mit der Bahn, mit Bussen und Autos. Um dem Verkehr halbwegs Herr zu werden, wurde die Polizei von der Feuerwehr tatkräftig unterstützt. Der Einzug des jungen Friedrich in Rheinsberg jährte sich 1936 zum 200. Mal. Aus diesem Anlass fanden bis 1939 jeweils Anfang August die “Tage von Rheinsberg” statt. das Möskefest band man darin ein, und es verlor seine Eigenständigkeit.

Krieg und DDR-Behördenwillkür verhinderten seine Fortführung. Die Evangelische Kirchengemeinde versucht nun die Wiederbelebung der Tradition, aber es wird sicher noch lange dauern, bis sie ihre einstige Bedeutung erreicht.