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Rudolf Poscich

„Carmol im Haus treibt Sorge hinaus.“ „Carmol aus Rheinsberg in der Mark macht Nerven, Geist und Körper stark.“ „Plagt Dich Rheuma, Ischias, Gicht, vergiss Carmol aus Rheinsberg nicht!“ - Diese und andere Slogans ließen sich damals die Werbetexter einfallen, als es um die Vermarktung eines der bekanntesten Rheinsberger Industrieprodukte ging. Ein Universalmittel, das sogar in Arzneischränken außerhalb Deutschlands zu finden war.

 Alles begann um die Jahrhundertwende, als Rudolf Poscich in den Räumen hinter der Drogerie in der Berliner Straße herumexperimentierte. Eines Tages hatte er die Mixtur gefunden, mit der man die verschiedensten Schmerzen lindern konnte: CARMOL (von Karmelitergeist). 1902 rollte in der Schloßstraße die Produktion an. Allerdings mutete die erste "Fabrik" eher unscheinbar an, denn es handelte sich um einen kleinen Schuppen mit einem dementsprechenden Ausstoß an Flaschen. Jeden Abend belud man den Firmenhandwagen und rumpelte damit zum Bahnhof. Carmol zog aus in die Ferne und freundete sich mit vielen verstimmten Mägen und schmerzenden Gliedmaßen an. Das Unternehmen konnte expandieren, indem es 1904 ein Massivgebäude errichtete und die Zahl der Beschäftigten erhöhte. Weitere Anbauten folgten, und 1907 stand an der Straße das erste Hauptgebäude.

Einer der Mitarbeiter, Herr Leichsenring, war u. a. für Reklame zuständig. Er sorgte für die Verbreitung des bekannten Slogans „Carmol tut wohl!“, der auch so manche Werbefläche in Rheinsberg zierte (z.B. die Giebelwand des Hauses Nr. 15 in der Schloßstraße).

Die Jahre verliefen erfolgreich, doch 1912 zogen dunkle Wolken über der Fabrik auf - sie stand in Flammen, und das Feuer vernichtete den größten Teil des Inventars. Noch bevor dieser Schlag richtig überwunden war, erhielt Poscich schon den nächsten: der Erste Weltkrieg brach aus. Viele der Männer zogen ins Feld, und die schlechte wirtschaftliche Lage während der Kriegsjahre machte Entlassungen notwendig. Waren 1914 noch ca. 70 Leute beschäftigt, hatte sich ihre Zahl bis 1918 auf etwa 20 verringert. Hinzu kam, dass die ausländischen Abnehmer nicht mehr mit deutschen Firmen Handel treiben wollten. Trotzdem lief die Produktion bald wieder an, und die Kriegsheimkehrer konnten an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.

Die größte Entlassungswelle aber gab es 1923, dem Höhepunkt der Geldentwertung. Gerade drei Frauen und ein Mann blieben von der Kündigung verschont, und auf den Fließbändern floss kein Carmol mehr in die Flaschen.

Doch die Einführung der Rentenmark brachte die Wende. In den folgenden Jahren erweiterte man die Fabrik nach Osten hin. An der Paulshorster Straße entstand u.a. die neue Druckerei, deren Pressen fortan Etiketten, Kartonagen und Werbematerial herstellten. An der Südwestseite wurde der Bau 1926 vollendet. Poscich schaffte moderne Maschinen an und vergrößerte die Produktionspalette auf 30 verschiedene Präparate, z.B. Hyproxit und Tergol. 120 Beschäftigte sorgten für einen jährlichen Ausstoß von zwei bis drei Millionen Flaschen. Carmol gab es nicht nur in flüssiger Form; es wurde als Creme und für die Fans von Lutschwaren als Bonbon auf den Markt gebracht.

Die Fabrik stellte jedes Jahr einen Lehrling ein. Sein monatliches Entgelt betrug im ersten Jahr 20 Mark und steigerte sich stufenweise auf 60 Mark nach drei Lehrjahren. Nach Dienstschluss konnte er aber nicht etwa nach Hause gehen, sondern "durfte" dem Prokuristen erst noch die Tasche nach Hause tragen.

Das Unternehmen war in mehrere Geschäftsteile gegliedert: die eigentliche Carmolfabrik, die Druckerei, die Firma MEGABOL, die sich um den Versand auf die Dörfer und Bauernhöfe kümmerte; außerdem die Firma OMEGA, die als Drogengroßhandel kleine Drogerien, Apotheken und so genannte "Schrankdrogisten" (Kolonialwarenhändler mit Genehmigung für Arzneimittelverkauf) belieferte. Schließlich gab es noch die Dr. Schäffer & Co GmbH, eine vielseitige Gesellschaft, die sich ebenso mit der Vermittlung von Anzeigen in Zeitungen wie mit Oberflächenbehandlung von Metallen beschäftigte. All diese Tochterunternehmen befanden sich in der Hand Rudolf Poscichs. Sein Sohn Hans war Chef der Firma Kreuz-Hammer an der Berliner Straße. Ihr Geschäftsfeld reichte vom Seifenhandel über Honigherstellung bis zur Galvanisierung. Anfang der 30er Jahre baute Rudolf Poscich seinem Sohn ein Produktionsgebäude (der linke Teil der heutigen Berlin Chemie AG), in dem nun Seife, Zahnpasta, Mundspülmittel und andere Kosmetika hergestellt wurden.

Der Senior starb 1937 und seine Frau Emma ein Jahr später. Der Krieg kam, und Hans Poscich, inzwischen Besitzer des gesamten Betriebes, wurde eingezogen. 1943 starb er an einer Verwundung. Da er allein stehend war und ohne Erben, hatte er vorher alles seinen Arbeitern und Angestellten vermacht. Das Testament bestimmte, dass jeder, der mindestens zehn Jahre der Firma angehörte, einen Anteil erhalten sollte, der sich nach Zugehörigkeitsdauer und Stellung im Betrieb berechnete. Die Wirrnisse jener Zeit schoben die Auszahlung der 42 ermittelten Erben um etwa ein Jahrzehnt hinaus.

In die Villa der Poscichs zog 1954 das Landambulatorium ein.

VEB Berlin Chemie

Durch die Materialrationierung war die Produktion während des Krieges stark eingeschränkt worden. Der Betriebsteil an der Berliner Straße wurde zum Wehrkreissanitätspark umfunktioniert. Vom Bombenangriff der Roten Armee 1945 blieb die Carmolfabrik verschont, ging aber kurze Zeit später durch Brandstiftung in Flammen auf. Die Täter wurden offiziell nie ermittelt. In den Gebäudeteilen, die den Brand überstanden hatten, lief noch die Bonbonproduktion weiter. Carmol floss nun in der Berliner Straße in die Flaschen, ab 1949 unter volkseigener Regie. In den 50er Jahren kaufte man das benachbarte Bahnhofshotel dazu und verband die Gebäude später mit einem Zwischenbau.

Anfang der 90er Jahre waren im Betriebsteil Rheinsberg der Berlin Chemie AG noch ca. 60 Leute beschäftigt. 2001 wurde die Produktion eingestellt.