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Von warmen und kalten Bädern

Das Baden in öffentlichen Gewässern galt im 18. Jahrhundert allgemein als ungesund, gefährlich und sogar unmoralisch. Für Goethe war es eine dem Zeitgeist entstammende Verrücktheit. Erst durch das verstärkte Hinweisen der Ärzte auf den Wert des Badens für die Gesundheit fand im 19. Jahrhundert eine Verbreitung von Badeanstalten an Seen und Flüssen statt.

Badeanstalt Nr. 1

Die vermutlich erste Seebadeanstalt Rheinsbergs befand sich nördlich des Bollwerks und wurde vom Kämmerer Koppe gegründet. Sie enthielt "sieben verdeckte, unter sich getrennte Badezellen und ein gemeinschaftliches, offenes Schwimm-Bassin", schrieb Traugott Pinkert 1891. Schwimmern stand der "offene See" zur Verfügung. Hierzu muss bemerkt werden, dass die Zahl der Deutschen, die des Schwimmens kundig waren, zu dieser Zeit eher gering war. Noch 1930 stellten die Schwimmer gerade drei Prozent der Bevölkerung. Deshalb waren Badezellen und Gemeinschaftsbassins in der Regel beliebter als das tiefe Gewässer.Der Rheinsberger Bruno Paetsch hat in seinen Jugenderinnerungen auch die Badeanstalt beschrieben. Sie stand im Wasser und war für Damen und Herren getrennt. Am Südende befand sich eine große Zelle, in der sich 15 Personen umkleiden konnten. Die anderen Zellen nahmen jeweils bis zu vier Leute auf. Jede Zelle war verschließbar und hatte einen eigenen abgegrenzten, über eine Treppe erreichbaren Bassin. "Es konnte hier jeder ungeniert baden, ohne von den anderen Badenden gesehen zu werden. Man konnte von hier aus, ohne das Wasser zu verlassen, in den großen Schwimmbassin gelangen." Um diesen herum befanden sich Laufstege, auf denen sich Sonnenhungrige braten ließen. Zum See hin sicherte ein Schwimmbalken den Bassin ab, und auch ein Sprungbrett war vorhanden. "Links und rechts des Schwimmbassins waren Bretterverkleidungen angebracht, damit die Badenden von außen nicht zu sehen waren." Die Abschottung war erforderlich, da das Baden im Freien in der öffentlichen Meinung noch nicht zur vollen Anerkennung kam.Auch adelige Besucher Rheinsbergs haben die Einrichtung genutzt, um ihre blaublütigen Körper zu erfrischen. "Am Eingange einer der Badezellen in der Koppe'schen Badeanstalt", berichtete Pinkert, "findet man eine vergoldete Krone zum Andenken daran, dass hier der hochselige Kaiser Friedrich III. als Kronprinz badete".

Die Medizin empfahl für eine therapeutische Wirkung des Badens möglichst fließendes und immer frisches Wasser. So entstanden an vielen Flüssen kleine Bäder, wo man sich in von Wasser durchströmte Kabinen begab und sich vom kühlen Nass massieren ließ. Am Ende der Mühlenstraße befand sich das "Heinrich Müllersche Wassermühlen-Etablissement". Zwei Badezellen, eine für Männlein, eine für Weiblein, standen dort in den Fluten des Rhins. Allerdings blieb das Etablissement Leuten mit einem größeren Geldbeutel vorbehalten. Das galt wahrscheinlich auch für die Warmwasserbadeanstalt im Hotel "Ratskeller".

Im allgemeinen war die Dichte der Warmbäder in Deutschland gering. 1887 rechnete der Berliner Dermatologe Oscar Lassar aus, dass eine solcher Anstalten auf 50.000 Menschen kam. Er bemängelte, dass sie meist zu klein, zu dürftig ausgestattet und zu teuer wären, und das die Lage auf dem Land besonders katastrophal sei. Lassar brachte die Losung "Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad" aus und gründete 1899 die Deutsche Gesellschaft für Volksbäder, die sich für den Bau von Stadtbädern stark machte.

"Kur- und Warmbad, erbaut 1907" informiert uns die Anschrift des Gebäudes an der Schillerstraße. Eine Anzeige aus dieser Zeit weist auf die vielfältigen Möglichkeiten hin, die diese Stätte abendländischer Badekultur bot: "Dampf-, Wannen-, Brause-Bäder, Massage für Damen und Herren, alle Arten von medizinischen Bädern, Temperier-Gelegenheit für Mineral-Brunnen". Außerdem hatte eine kleine Bibliothek im Vestibül Einzug gehalten. Die Lesehalle, deren Wände mit Werken von Adolph Menzel geschmückt waren, stand Inhabern von Kurtaxquittungen kostenlos zur Verfügung. Doch nicht nur die Kurgäste nutzten das Warmbad. Viele Einwohner Rheinsbergs ließen sich einmal wöchentlich in die Badewannen gleiten, denn wer hatte sowas schon in den eigenen Wänden? Als in späteren Jahren Karl Wittkopf Bademeister war, konnte man sich von ihm gleich noch die Haare schneiden lassen.

Badeanstalt Nr. 2

1908 wurde seitens der Stadt an der heutigen Reuterpromenade, nördlich der Villa "Miralonda" ein Badestrand für Kinder angelegt. Bald entstand dort ein zweites, moderneres Seebad. Die Koppe`sche Badeanstalt, die inzwischen der Reeder Rudolf Schneider gepachtet hatte, zeigte bereits Altersschwächen und wurde geschlossen. (Die letzten Fragmente verschwanden in den 30er Jahren.)

Die neue Anstalt zog sich etwa 50 bis 60 Meter am Ufer entlang. In der Mitte befand sich der Eingang, den man über eine kleine Brücke erreichte. Rechts waren die Umkleidekabinen der Frauen, links die der Männer. Auf einem Laufsteg gelangte man von den Kabinen ins Wasser, für Schwimmer stand ein Sprungturm mit zwei Brettern bereit. Wer sich keine eigene Umkleidekabine leisten wollte, nutzte für weniger Geld die Massenzelle, die ca. 20 Personen fasste. Der Bademeister und Pächter Wagner hielt in seinem Kühlschrank stets Getränke bereit.

Badeanstalt Nr. 3

Das Planschvergnügen währte dort bis 1929, als am so genannten "weißen Sand" das neue (jetzige) Seebad eröffnet wurde, das sein wesentliches Erscheinungsbild bis heute bewahrt hat. Es war in der Saison von Sonnenaufgang bis -untergang geöffnet; es gab eine Rutschbahn, eine Schwimmschule, und gegenüber den Vorgängern hatten die Leute wesentlich mehr Platz zum Tummeln.